
Kontext des Projektes
Das Standortauswahlgesetz (StandAG) hat in seinen Grundzügen des lernenden Verfahrens und einer intensiven Beteiligung der Öffentlichkeit wichtige Prinzipien für eine gesellschaftlich tragfähige Umsetzung des Suchprozesses vorgesehen (Vgl. § 1 Abs. 1 sowie § 5 StandAG). Nach Veröffentlichung der Eingrenzung der Teilgebiete auf wenige Standortregionen in der zweiten Jahreshälfte 2027 sind bereits vielfältige Beteiligungsformate für die möglicherweise betroffenen Regionen vorgesehen. Zum Ende des Jahres 2027 steht der Standortregionen-Bericht an, welcher eine erhebliche Eingrenzung der möglichen Standortregionen für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle vornimmt.
Aus der Vertrauensforschung ist bekannt, dass wesentliche Weichen für das Vertrauensverhältnis bereits vor Bekanntwerden des Berichtes gestellt werden (Lewin 1947). Diffuse Ängste vor einer Veröffentlichung können die nach Lewin typische negative psychologische Reaktion (Schock, Ärger) bei Veröffentlichung des Standortregionen-Berichts bei sich betroffen fühlenden Personen sehr wahrscheinlich verstärken. Das Resultat wäre Ablehnung und mangelhafte Akzeptanz, noch bevor Beteiligungsformate eingesetzt werden. Psychologisch birgt dieser Prozess also eine ungünstige Reihenfolge, denn die Standortregionen werden nicht an einer gemeinsamen Ausarbeitung der individuellen Problemsicht beteiligt (Dewitz 2023). Dies kann durch geeignete Methoden des Co-Designs bereits im Vorfeld durch vertrauensbildende Kommunikation und Einbezug vermieden werden, indem Akzeptanz im praxisbezogenen Umgang mit der Endlagerung radioaktiver Abfälle aufgebaut bzw. verbessert wird.
Im Sinne eines wissenschaftlichen, transdisziplinären Ansatzes würden außerakademische Akteure – nach der Reflexion darüber, was für sie jeweils das Problem darstellt (problem-framing) – in einen als Co-Design bezeichneten Prozess einbezogen, um ihren Beitrag zur Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten einzubringen (Busse et al. 2023).
Durch einen frühen Einbezug in die Problemdefinition und mögliche Prozessschritte wird der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses bereits in einer frühen Phase ermöglicht. Dieses Vorgehen kann gewinnbringend auf Beteiligungsformate übertragen werden. Ansatz des Konsortiums ist deshalb, Methoden des Co-Designs zu entwickeln, die frühzeitig ansetzen, so dass ein Vertrauensverhältnis proaktiv entstehen kann.
Ein weiteres Kennzeichen des Prozesses der Standortauswahl ist, dass die vom Standortauswahlgesetz geforderte Offenheit und Transparenz sowie das geforderte lernende Verfahren mit hoher Fehlerkultur durch das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen Akteure determiniert wird. Sicherheitskultur in Hochrisikoorganisationen wird vornehmlich als eine Leistung innerhalb einer Organisation angesehen (IAEA 2002). Im Rahmen der Standortauswahl bedingen sich jedoch die Sicherheitskulturen der einzelnen Akteure gegenseitig. Wie sich die Fehler- und Sicherheitskulturen innerhalb solcher sogenannten Multi-Akteurs-Umgebungen wechselseitig beeinflussen, ist in den vorhandenen Methoden zur Sicherheitskultur nicht abgebildet (Sträter 2019). Hierzu wird eine Methode erarbeitet, um Multi-Akteurs-Effekte für eine hohe Fehler- und Sicherheitskultur bewerten und daraus Maßnahmen entwickeln zu können.
Beide Aspekte, Vertrauen sowie Fehler- und Sicherheitskultur bedingen sich wechselseitig und sind stark abhängig von den Prozessen des Co-Designs. Deshalb entwickelt das Konsortium einen methodischen Ansatz, der die Wechselwirkungen all dieser Aspekte miteinander berücksichtigt und damit wirksam helfen kann, diese kritische Phase im transdisziplinären Sinne erfolgreich zu überbrücken und Vertrauen sowie Fehler- und Sicherheitskultur von Betroffenen und Akteuren in der Standortauswahl gleichermaßen zu fördern.
Erreicht wird dies durch die Weiterentwicklung der vier Konstrukte (Vertrauen, Transdisziplinärer Ansatz, Fehler- und Sicherheitskultur, Soziales Monitoring) und deren Integration in drei methodisch innovative Ansätze (Prozessorientiertes Co-Design, Endlager-Erlebnislabor, Multi-Akteurs-Fehler- und Sicherheitskultur). Diese drei methodisch innovativen Ansätze repräsentieren gleichzeitig drei Promotionsvorhaben. Zivilgesellschaftliche Akteure werden durch eine AGBe (Arbeitsgruppe Bevölkerung) einbezogen.
Literatur
Busse, M., Zscheischler, J., Zoll, F., Rogga, S., & Siebert, R. (2023). Co-design approaches in land use related sustainability science – A systematic review. Land Use Policy, 129, 106623. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2023.106623
IAEA (2002) Safety culture in nuclear installations. IAEA. Vienna.
Lewin, K. (1947) Frontiers in group dynamics. Concept, method and reality in social science. Social equilibria and social change. In: Human Relations. Bd. 1, Nr. 1, ISSN 1573-9716, S. 5–41
Sträter, O. (2019) Hrsg. Risikofaktor Mensch? – Zuverlässiges Handeln gestalten. Beuth Verlag.